Roland Kohn wirbt für Volksabstimmungen
RNZ
Schriesheim. Was läuft schief in der deutschen Demokratie? Das war die Frage, mit der sich die "Liberale Runde" der Schriesheimer FDP kürzlich auseinandersetzte. Gastredner Roland Kohn kam zu dem Ergebnis: einiges. Zum zweiten Mal begrüßte FDP-Ortsvereinsvorsitzender Ingo Kuntermann den ehemaligen Bundestagsabgeordneten in der "Runde".
Anlässlich der Querelen um den Stuttgarter Bahnhofsneubau monierte Kohn eine Verschlechterung der Diskussionskultur. "Die Diskussion über Sachthemen ist zugunsten von Glaubensbekenntnissen abhanden gekommen", so Kohn. Damit schwinde die Fähigkeit zu Kompromissen und zum Konsens. "Wir leiden unter dem Gesinnungsdruck der Meinungsmacher", war Kohns Erfahrung. Jede Diskussion sei inzwischen geprägt von der Angst, sich angreifbar zu machen.
Dazu komme eine wachsende Entfremdung der Eliten aus Wirtschaft und Politik vom Rest der Bevölkerung. Dennoch seien die Deutschen von einer "unglaublichen Staatsgläubigkeit", die immer sofort nach dem Staat als Problemlöser rufe. Als Liberaler sehe er den Einzelnen in der Verantwortung: "Wir müssen die Bürgerbeteiligung neu organisieren und die Menschen im Vorfeld großer Entscheidungen stärker einbeziehen, auch durch Volksabstimmungen."
Auch am Wirtschaftssystem sei einiges faul. Das Gesamt-Handelsvolumen der Finanzmärkte betrage 4400 Billionen Dollar und sei damit 70 Mal so groß wie die weltweite Wirtschaftsleistung. "Da greift die Diskussion um zu hohe Gehälter oder Boni für die Banker zu kurz. Das ist ein strukturelles Problem mit viel zu großen Einheiten", kritisierte Kohn. Das Problem der deutschen Staatsverschuldung sah er weniger in einem Mangel an Einnahmen, sondern in der falschen Ausgabenpolitik. Als zweitgrößten Posten des 320 Milliarden schweren Bundeshaushalts nannte Kohn die Bedienung von Krediten mit Zinsen von jährlich 40 Milliarden Euro, dahinter weit abgeschlagen Bildung und Forschung mit einem Budget von zehn Milliarden. "Da stimmt etwas nicht mehr, dafür muss man kein Wirtschaftswissenschaftler sein."
Auch eine fehlende soziale Gerechtigkeit prangerte Kohn an. Im Jahr 1958 musste jemand das 21-Fache eines Durchschnittseinkommens verdienen, um den Spitzensteuersatz zu zahlen. Heute reiche dagegen schon das 1,8-Fache. "Damit haben wir keinen Mittelstandsbauch, sondern ein Mittelstandsloch", so Kohn. Er forderte eine Rückkehr zur sozialen Marktwirtschaft, einer Kernbotschaft liberalen Denkens.
Auch in punkto Bildung liege in der Bundesrepublik einiges im Argen. Auch hier werde an strukturellen Problemen gearbeitet, statt die Bildung an sich aufzuwerten. "Sie steht auf verlorenem Posten, weil sie für niemanden mehr ein Aufstiegsmedium ist", zitierte er eine soziologische Studie. In der "Celebrity-Kultur" zeigten Fußballer und Fernsehstars den Jugendlichen, dass man reich, berühmt und beliebt werden könne - auch ohne Bildung. Ebenso prangerte Kohn die Betrachtung eines Menschen als oberflächlich an, der nur durch die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe definiert werde. "Es zählt nur noch, ob jemand einen 'Migrations-Hintergrund' hat und nicht, ob er klug ist, gut in seinem Beruf oder sozial engagiert. Das entspricht nicht liberalem Denken."
Nicht zuletzt kritisierte Kohn die Auswirkungen, die die EU als Transfer-Union auf Deutschland habe. Aussagen, die EU müsse für die Schulden Griechenlands nicht aufkommen, seien schlicht falsch, da es eine solche Klausel in keinem der Einigungsverträge gebe. Auch die Situation seiner Partei sah Kohn trotz der momentan schlechten Umfrageergebnisse als nicht kritischer an als in den vergangenen 41 Jahren, die er jetzt Mitglied bei den Liberalen sei: "An den großen politischen Knotenpunkten in der Vergangenheit ging es nie ohne die FDP."
FDP fordert bessere Nahverkehrsumlage
Schriesheim. In der "Liberalen Runde" der Schriesheimer FDP war jüngst Hartmut Kowalinski zu Gast. Der Kreisrat und Gemeinderat aus Hirschberg berichtete im Gasthaus "Frank" aus seiner Arbeit im Kreistag. Kowalinski gab zunächst eine Übersicht über die Aufgaben und den Schuldenstand des Kreises: "Bei einem Haushalt von 500 Millionen Euro, von dem 70 Prozent Sozialausgaben sind, und bei einem Schuldenstand inklusive Eigenbetriebe von über 200 Millionen Euro müssen alle Prestigeprojekte auf den Prüfstand", sagte Kowalinski.
Unabhängig vom zweigleisigen Ausbau der RNV-Linie 5 zwischen Schriesheim und Weinheim sei in den letzten Jahren die Infrastruktur und die Wagenausstattung des ÖPNV vernachlässigt worden. Deshalb würden die Umlagen bis kommendes Jahr um weit über 100 Prozent auf mehr als 700 000 Euro jährlich alleine für Schriesheim steigen. Kowalinski versprach: "Die FDP wird alle Mittel ausschöpfen, um einen besseren Umlagenmodus für die Bergstraßengemeinden zu erreichen." Das aktuelle Verfahren habe Vorteile für die Städte Mannheim, Weinheim und Heidelberg, deren Strecken, Haltestellen und Fahrgäste quasi subventioniert würden. Auch für die Abfallentsorgung sah Kowalinski Optimierungsmöglichkeiten. "Das viele Geld, was wir zur Gründung der AVR vorgestreckt haben, sollte auch wieder an den Kreis zurückfließen."
Bei der "Liberalen Runde" forderte Schriesheims FDP-Vorsitzender Ingo Kuntermann, dass die Liberalen auch weiterhin an der geplanten Steuersenkung festhalten sollten: "Wenn Grün-Rot 85 Milliarden Euro Solarsubventionen gut findet, kann die FDP auch die Bürger um 9 Milliarden Euro entlasten, das Geld ist da." Er fuhr fort: "Wenn 19 Prozent der Deutschen Steuern senken wollen, dann sind das diejenigen, die 85 Prozent der Einkommensteuer bezahlen."
Renkenberger sieht bei SPD und GL "Vernichtungswillen"
Schriesheim. Der Stadtrat der FDP, Wolfgang Renkenberger, meldet sich nach der Sondersitzung des Gemeinderats zur Bebauung des OEG-Areals zu Wort. Er kritisiert SPD und Grüne (GL) für ihr Verhalten im Vorfeld der Abstimmung.
Renkenberger erinnert in seiner Presseerklärung an die 45-minütige Sitzungsunterbrechung, in der sich die Fraktionssprecher mit der Verwaltung zur Antragsformulierung zurückgezogen hatten. Danach sei dem Gemeinderat ein "Kompromissvorschlag" vorformuliert worden. Darin ging es um die Festlegung der Bauhöhe auf grundsätzlich 12,50 Meter, die Reduzierung der Wohnbebauung im Bereich des ehemaligen Gewerbeareals auf zweigeschossige Bauweise plus Dachgeschoss. Zudem wurde die Verwaltung beauftragt, weitere "Park+Ride"-Stellplätze auf dem Areal auszuweisen. Ferner sollte die Investoren- und Planungsgemeinschaft Burkhardt/Witteler über einen städtebaulichen Vertrag dazu verpflichtet werden, ihr offenes "Parken unter Stelzen" im Bereich des Betreuten Wohnens zu umbauen. Weiterer Beschlusspunkt waren öffentliche Toiletten im Ärztehaus, das ebenfalls unter der Regie von Burkhardt/Witteler entstehen soll. Schließlich war der Grundsatzbeschluss zur Offenlage der ersten Bebauungsplanänderung für das OEG-Areal zu treffen: "Sechs Einzelentscheidungen", so Renkenberger, "die in einem Antrag, mit einer Stimmabgabe, abgestimmt werden sollten." Fünf Beschlüsse seien keine Kompromisse, sondern Konsens zwischen den Fraktionen und Bürgermeister Hansjörg Höfer gewesen, betont der Liberale.
Nur die "Einhausung des Stelzen-Areals" sei strittig geblieben: "Wie sich herausstellte, hat diese ,Einhausung’ eindeutig keine Mehrheit im Rat", bezieht sich Renkenberger auf das ablehnende Abstimmungsverhalten von CDU, Freien Wählern (FW) und ihm selbst: "Diejenigen, die jetzt bemängeln, CDU und FW hätten einen ,Kompromiss’ oder gar einen ,Konsens’ gekündigt, verschweigen, dass sie über die Hintertür einer Paketlösung der demokratischen Mehrheit ihr Recht nehmen wollten. Hier wurde kein Kompromiss gesucht, sondern der Erfolg für die eigene Mindermeinung", so Renkenberger gegen SPD und Grüne. Geklappt habe das nicht: "Die anderen haben eben aufgepasst."
Zudem seien SPD und GL in dieser Sache "schlechte Verlierer", weil sie der Mehrheit den "Schwarzen Peter" zuschieben wollten: "Muss man denn erst langjähriger Aktiver einer chronischen Fünf-Prozent-Partei sein, um soviel demokratische Demut verinnerlicht zu haben, dass man demokratische Mehrheiten akzeptieren kann, ohne diese diffamieren zu müssen?"
Im Übrigen, so Renkenberger, hätte diese "Umhausung des Stelzen-Areals", 14 Parkplätze gekostet: "Obwohl jeder schreit, man hätte sowieso zu wenig davon. Das wäre ganz klar zu Lasten der Anwohner gegangen, deren Anwalt zu sein manche ja vorgeben wollen", schreibt der Stadtrat. Die 14 Parkplätze, betont er, hätten das Architekturbüro Burkhardt und Projektentwickler Sven Witteler, die Renkenberger als "klein, mittelständisch, Schriesheimer" charakterisiert, nicht mehr einfach umplanen können.
Daran erkennt Renkenberger bei SPD und GL "parteipolitischen oder gar persönlich motivierten Vernichtungswillen, beziehungsweise Zerstörungsabsicht für dieses Bauprojekt in der Mitte des OEG-Geländes." Der FDP-Stadtrat schließt: "Dieses Projekt ,Betreutes Wohnen-Ärztehaus’ darf anscheinend nicht nach Schriesheim kommen. Ihm wird zum Verhängnis, dass es von den ,falschen’, das heißt: ,politisch nicht genehmen Leuten’ geplant wird."
Der Architekt des Ärzte- und Seniorenkomplexes, Alfred Burkhardt, ist Stadtrat der Freien Wähler. Am vergangenen Mittwoch galt er als befangen und verfolgte die Sitzung aus den Reihen der Zuhörer.